Wie wichtig ist Ballbesitz wirklich?
Eine Analyse von 3.503 Spielen aus fünf europäischen Ligen zeigt, wie Ballbesitz mit xG, Torchancen und tatsächlichen Ergebnissen zusammenhängt.
Eine Analyse von 3.503 Spielen aus fünf europäischen Ligen zeigt: Ballbesitz hängt deutlich mit der Erarbeitung von Torchancen zusammen. Beim tatsächlichen Spielergebnis ist der Zusammenhang wesentlich weniger eindeutig.
Ballbesitz gehört zu den bekanntesten Statistiken im Fußball. Er erscheint in nahezu jeder Spielübersicht und wird häufig genutzt, um Kontrolle, Dominanz und den grundsätzlichen Spielverlauf zu beschreiben.
Doch wie viel sagt Ballbesitz tatsächlich über die Leistung einer Mannschaft aus?
Dafür haben wir 3.503 Spiele aus Premier League, Bundesliga, 2. Bundesliga, Serie A und La Liga aus den Spielzeiten 2024/25 und 2025/26 analysiert.
Mehr Ballbesitz geht tendenziell mit einer besseren xG-Bilanz einher
Die erste Frage ist relativ einfach.
Wenn eine Mannschaft mehr Ballbesitz hat als ihr Gegner, erzeugt sie dann tendenziell auch die besseren Torchancen?
Über alle untersuchten Spiele liegt der Zusammenhang zwischen Ballbesitzdifferenz und xG-Differenz bei einer Spearman-Korrelation von
ρ = 0,398.
Spearman ρ beschreibt, ob höhere Werte einer Größe tendenziell gemeinsam mit höheren Werten einer anderen Größe auftreten.
Ein Wert nahe 1 würde für einen sehr starken positiven Zusammenhang sprechen. Ein Wert nahe 0 bedeutet dagegen, dass kaum ein systematischer Zusammenhang erkennbar ist.
Der Wert von 0,398 steht damit für einen moderaten positiven Zusammenhang.
Mannschaften mit einem größeren Ballbesitzvorteil haben im Durchschnitt also auch die bessere xG-Bilanz. Der Ballbesitz allein bestimmt die offensive Leistung jedoch keineswegs.

Abbildung 1 verdeutlicht den positiven Durchschnittstrend, aber auch die große Streuung zwischen den einzelnen Spielen.
Der durchschnittliche Trend steigt mit zunehmendem Ballbesitzvorteil, gleichzeitig unterscheiden sich einzelne Spiele deutlich voneinander.
Ballbesitz liefert also Informationen über ein Spiel, erklärt aber längst nicht alles.
Mehr Ballbesitz, mehr Chancen, aber nur ein moderater Punktevorteil
Besonders interessant wird das Bild, wenn die Teamleistungen nach Ballbesitzanteil gruppiert werden.
Mannschaften mit weniger als 40 Prozent Ballbesitz erzeugten durchschnittlich 1,086 xG und ließen 1,806 xG zu.
Bei Teams mit mehr als 60 Prozent Ballbesitz dreht sich dieses Verhältnis nahezu um. Sie erzeugten 1,806 xG und ließen lediglich 1,086 xG zu.
Bei den tatsächlich gewonnenen Punkten fällt der Unterschied deutlich geringer aus.
Teams unter 40 Prozent Ballbesitz kamen auf 1,29 Punkte pro Spiel. Mannschaften mit mehr als 60 Prozent erreichten 1,46 Punkte.
Auch die mittleren Gruppen folgen keiner durchgehend steigenden Reihenfolge. Teams zwischen 40 und 50 Prozent Ballbesitz holten durchschnittlich 1,39 Punkte, Mannschaften zwischen 50 und 60 Prozent lediglich 1,35.
Abbildung 2 stellt die durchschnittlichen xG-Werte und die Punkte pro Spiel für die verschiedenen Ballbesitzgruppen gegenüber.

Das ist eine der interessantesten Beobachtungen der Analyse.
Mehr Ballbesitz geht mit einer deutlich stärkeren xG-Bilanz einher. Bei den tatsächlich gewonnenen Punkten ist der Unterschied dagegen wesentlich kleiner.
Der Zusammenhang unterscheidet sich deutlich zwischen den Ligen
Ballbesitz scheint außerdem nicht in jedem Wettbewerb dieselbe Aussagekraft zu besitzen.
Den stärksten Zusammenhang zwischen Ballbesitzdifferenz und xG-Differenz sehen wir in der Serie A mit ρ = 0,491, knapp gefolgt von der Bundesliga mit 0,480.
In der Premier League liegt der Wert bei 0,385 und in La Liga bei 0,360.
In der 2. Bundesliga fällt er mit 0,237 deutlich niedriger aus.
Abbildung 3 zeigt die unterschiedlichen Korrelationswerte der fünf untersuchten Ligen.

Warum diese Unterschiede auftreten, lässt sich aus der aktuellen Analyse allein nicht beantworten.
Unterschiede bei Teamstärke, Spielstil, taktischer Ausrichtung oder Spielverlauf könnten eine Rolle spielen.
Die Daten zeigen zunächst vor allem eines: Ballbesitz sollte nicht automatisch in jedem Wettbewerb gleich interpretiert werden.
Bei Schüssen ist der Zusammenhang deutlich stärker als bei Toren und Punkten
Der Vergleich der beiden Spielzeiten macht diesen Unterschied besonders deutlich.
In beiden Saisons hängt die Ballbesitzdifferenz am stärksten mit der Schussdifferenz zusammen.
Die Spearman Werte liegen bei 0,568 in 2024/25 und 0,548 in 2025/26.
Auch bei der xG-Differenz besteht mit 0,425 beziehungsweise 0,373 ein klar positiver Zusammenhang.
Bei der Tordifferenz fallen die Werte dagegen auf 0,084 beziehungsweise 0,043.
Bei der tatsächlichen Punktedifferenz liegen sie sogar nur bei 0,041 und minus 0,003.
Abbildung 4 veranschaulicht, wie ähnlich das grundlegende Muster in beiden Spielzeiten ausfällt.

Das grundsätzliche Muster ist damit in beiden Spielzeiten sehr ähnlich.
Ballbesitz hängt deutlich stärker mit der Entstehung von Schüssen und Torchancen zusammen als mit dem tatsächlichen Endergebnis.
Die Unterschiede zwischen den beiden Spielzeiten werden hier rein beschreibend betrachtet. Ob sie statistisch signifikant sind, wurde in dieser Analyse nicht untersucht.
Wie wichtig ist Ballbesitz also?
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Ballbesitz durchaus relevant ist. Entscheidend ist jedoch, was wir damit messen möchten.
Geht es darum, ob eine Mannschaft mehr offensive Aktionen erzeugt und eine bessere xG-Bilanz besitzt, enthält Ballbesitz durchaus wertvolle Informationen.
Geht es dagegen darum, ob diese Mannschaft tatsächlich gewinnt oder mehr Punkte holt, ist die Aussagekraft deutlich geringer.
Über alle untersuchten Spiele liegt die Korrelation der Ballbesitzdifferenz mit der Schussdifferenz bei 0,558 und mit der xG-Differenz bei 0,398.
Bei der Tordifferenz beträgt sie lediglich 0,063, bei der tatsächlichen Punktedifferenz 0,019.
Ballbesitz beschreibt damit einen wichtigen Teil des Spiels, aber eben nicht das gesamte Spiel.
Wie effektiv eine Mannschaft ihren Ballbesitz nutzt, welche Chancen daraus entstehen und wie sich der Spielstand entwickelt, bleibt entscheidend.
Die Analyse beschreibt Zusammenhänge und keine kausalen Effekte. Spielstand, Teamstärke, rote Karten, Heimvorteil und taktische Entscheidungen können sowohl Ballbesitz als auch Leistung beeinflussen.
Über 3.503 Spiele hinweg geht mehr Ballbesitz im Durchschnitt mit mehr Schüssen und einer besseren xG-Bilanz einher. Bei Toren und gewonnenen Punkten wird der Zusammenhang dagegen deutlich schwächer.