Florian Wirtz bei Liverpool: Ist die Kritik berechtigt?

Florian Wirtz' Leistungen beim FC Liverpool haben Kritik ausgelöst. Doch ist sie berechtigt? Wir vergleichen seine Leistungsdaten mit seiner Zeit in Leverkusen.

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Florian Wirtz bei Liverpool: Ist die Kritik berechtigt?

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Als Florian Wirtz im Sommer 2025 zum FC Liverpool wechselte, waren die Erwartungen hoch. Bei Bayer 04 Leverkusen hatte er sich zu einem der einflussreichsten offensiven Mittelfeldspieler Europas entwickelt. Seine Stärken lagen sowohl im Torabschluss als auch in der Kreativität und der Fähigkeit, Gegenspieler im Dribbling zu überwinden.

Mehr als ein Jahr später stehen seine Leistungen weiterhin in der Kritik. Im Oktober 2026 berichtete Reuters über die Diskussion um seine bisherigen Beiträge, während The Guardian untersuchte, warum Wirtz seine Leverkusener Leistungen bei Liverpool bislang nicht bestätigen konnte.

Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stehen häufig Tore und Vorlagen. Diese Kennzahlen allein beschreiben jedoch nicht den gesamten Beitrag eines offensiven Mittelfeldspielers.

Wir haben deshalb Wirtz' letzte Bundesliga-Saison 2024/25 mit seiner ersten Premier-League-Saison 2025/26 und den bisherigen sieben Ligaspielen der Saison 2026/27 verglichen. Anhand seiner Tore, Abschlüsse, Kreativität, Dribblings und Defensivaktionen untersuchen wir, welche Bereiche seines statistischen Leistungsprofils sich seit dem Wechsel verändert haben.

1. Tore und Abschlüsse: Weniger Treffer, weniger Versuche

Der deutlichste Unterschied zeigt sich zunächst bei Wirtz' Torausbeute.

In seiner letzten Bundesliga-Saison erzielte er zehn Treffer in 2.354 Einsatzminuten. Das entspricht 0,38 Toren pro 90 Minuten. In seiner ersten Premier-League-Saison waren es fünf Treffer in 2.389 Minuten, wodurch seine Torfrequenz auf 0,19 pro 90 Minuten sank.

In den bisherigen sieben Ligaspielen der Saison 2026/27 hat er noch kein Tor erzielt.

Ein Blick auf die Expected Goals (xG) liefert zusätzlichen Kontext. Die Kennzahl beschreibt, wie wahrscheinlich ein Abschluss aufgrund seiner Eigenschaften zu einem Tor führt.

Bei Leverkusen erreichte Wirtz 0,39 xG pro 90 Minuten. In seiner ersten Liverpool-Saison sank dieser Wert auf 0,24. In der laufenden Saison liegt er wieder bei 0,31.

Obwohl Wirtz aktuell noch torlos ist, hat er in 560 Einsatzminuten bereits rund 1,92 xG gesammelt. Seine statistisch erwartete Torproduktion liegt damit über dem Niveau seiner ersten Liverpool-Saison, ohne dass sich dies bislang in erzielten Treffern widerspiegelt.

Abbildung 1 veranschaulicht die unterschiedliche Entwicklung von Wirtz' erzielten und erwarteten Toren über die drei Spielzeiten.

Abbildung 1: Tore und erwartete Tore pro 90 Minuten.

Um diese Entwicklung besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Häufigkeit seiner Abschlüsse.

In der Saison 2024/25 kam Wirtz bei Leverkusen auf 2,98 Abschlüsse pro 90 Minuten. Während seiner ersten Liverpool-Saison sank dieser Wert auf 1,92, was einem Rückgang von rund 36 % entspricht.

In der aktuellen Saison hat sich seine Abschlussfrequenz teilweise erholt und liegt bei 2,41 pro 90 Minuten, wie Abbildung 2 zeigt.

Abbildung 2: Abschlüsse pro 90 Minuten.

Die durchschnittliche Qualität seiner Abschlüsse hat sich dagegen wesentlich weniger verändert.

Sein xG-Wert pro Schuss lag in Leverkusen bei 0,131, während seiner ersten Liverpool-Saison bei 0,124 und aktuell bei 0,128.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Die geringere Torausbeute in seiner ersten Liverpool-Saison ging mit einem deutlichen Rückgang seiner Abschlussfrequenz einher, während die durchschnittliche Qualität der Abschlüsse relativ ähnlich blieb.

Die Zahlen deuten deshalb darauf hin, dass sich vor allem die Häufigkeit seiner Abschlussmöglichkeiten verändert hat und weniger deren durchschnittliche Qualität.

2. Kreativität und Dribblings: Zwei unterschiedliche Entwicklungen

Tore sind nur ein Teil des offensiven Beitrags eines Spielers.

Eine weitere relevante Kennzahl sind Schlüsselpässe. Dabei handelt es sich um Pässe, die unmittelbar zu einem Torabschluss eines Mitspielers führen, unabhängig davon, ob daraus ein Tor entsteht.

In seiner letzten Leverkusener Saison spielte Wirtz 2,18 Schlüsselpässe pro 90 Minuten. In seiner ersten Liverpool-Saison erhöhte sich dieser Wert leicht auf 2,30. Aktuell erreicht er 3,21.

Abbildung 3 zeigt, dass sich seine Beteiligung an der Vorbereitung von Abschlüssen durch Pässe anders entwickelt hat als seine eigene Torausbeute.

Abbildung 3: Schlüsselpässe pro 90 Minuten.

Während Wirtz seit seinem Wechsel seltener selbst trifft, bleibt seine statistisch erfasste Beteiligung an der Vorbereitung von Abschlüssen vergleichsweise hoch.

Der aktuelle Wert liegt über denen der beiden vollständigen Spielzeiten. Da er sich allerdings auf lediglich sieben Ligaspiele bezieht, lässt sich daraus noch keine dauerhaft höhere Schlüsselpässe-Quote ableiten.

Ein anderes Bild zeigen seine Dribbling-Statistiken.

Bei Leverkusen absolvierte Wirtz durchschnittlich 3,14 erfolgreiche Dribblings pro 90 Minuten. In seiner ersten Liverpool-Saison sank dieser Wert auf 1,51 und liegt aktuell bei 1,13.

Der deutliche Rückgang ist in Abbildung 4 zu erkennen.

Abbildung 4: Erfolgreiche Dribblings pro 90 Minuten.

Noch aussagekräftiger wird diese Entwicklung, wenn wir berücksichtigen, wie häufig Wirtz überhaupt versucht, einen Gegenspieler zu überwinden.

Bei Leverkusen kam er auf 6,16 Dribblingversuche pro 90 Minuten. Während seiner ersten Liverpool-Saison waren es nur noch 2,86, aktuell sind es 2,57.

Seine Erfolgsquote blieb zwischen den ersten beiden untersuchten Spielzeiten dagegen nahezu unverändert. Bei Leverkusen waren 50,9 % seiner Dribblings erfolgreich, bei Liverpool zunächst sogar 52,6 %.

Wirtz versuchte bei Liverpool also wesentlich seltener, Gegenspieler im Dribbling zu überwinden. Wenn er es tat, war er in seiner ersten Premier-League-Saison aber ungefähr genauso erfolgreich wie zuvor.

In der laufenden Saison ist seine Erfolgsquote auf 43,8 % gesunken. Dieser Wert basiert allerdings auf lediglich 16 Versuchen.

Zusammengenommen zeigen diese Kennzahlen eine wesentliche Veränderung seines Offensivspiels.

Wirtz sucht deutlich seltener das direkte Dribbling als in Leverkusen, während seine Beteiligung an der Vorbereitung von Abschlüssen durch Pässe weiterhin relativ hoch bleibt.

Diese Entwicklungen widersprechen sich nicht. Sie beschreiben unterschiedliche Möglichkeiten, offensiv zum Spiel beizutragen.

3. Defensivverhalten: Ein anderes Bild

Um die Defensivbeteiligung zu untersuchen, betrachten wir Wirtz' Tacklings pro 90 Minuten.

In seiner letzten Leverkusener Saison erreichte er durchschnittlich 1,30 Tacklings pro 90 Minuten. In seiner ersten Liverpool-Saison lag der Wert mit 1,28 nahezu auf demselben Niveau. Aktuell kommt er auf 1,45.

Abbildung 5 zeigt, dass seine Tacklinghäufigkeit über die drei untersuchten Zeiträume weitgehend stabil geblieben ist.

Abbildung 5: Tacklings pro 90 Minuten.

Anders als bei seinen Abschlüssen und Dribblings blieb Wirtz' Tacklinghäufigkeit über die drei untersuchten Zeiträume hinweg relativ stabil. Der Rückgang bestimmter Offensivaktionen ging somit nicht mit einem vergleichbaren Rückgang seiner erfassten Tacklings einher.

Allerdings beschreibt die Tacklinghäufigkeit lediglich die Anzahl der erfassten Aktionen und nicht die gesamte Defensivleistung. Aspekte wie Positionierung oder Pressingintensität werden dadurch nicht abgebildet.

Fazit: Ein verändertes Offensivprofil statt eines einheitlichen Leistungsrückgangs

Florian Wirtz' Torfrequenz, Abschlussvolumen und erfolgreiche Dribblings gingen während seiner ersten Premier-League-Saison deutlich zurück. Besonders relevant ist die geringere Anzahl seiner Abschlüsse, da deren durchschnittliche erwartete Torwahrscheinlichkeit relativ ähnlich geblieben ist.

Gleichzeitig entwickelten sich seine Schlüsselpässe anders. Seine Beteiligung an der Vorbereitung von Torabschlüssen blieb vergleichsweise hoch und ist in der laufenden Saison bislang sogar gestiegen.

Auch seine Tacklinghäufigkeit blieb weitgehend stabil.

Die Kritik an Wirtz' geringerer Torausbeute und seinen selteneren Dribblings ist somit statistisch nachvollziehbar. Ein allgemeiner Leistungsrückgang in allen Bereichen seines Spiels lässt sich aus den untersuchten Kennzahlen jedoch nicht ableiten. Vielmehr zeigen die Ergebnisse ein verändertes statistisches Leistungsprofil.

Für Liverpool wird im weiteren Saisonverlauf entscheidend sein, ob Wirtz seine zuletzt gestiegene Abschlussfrequenz und seine weiterhin vorhandene Beteiligung an der Vorbereitung von Torchancen auch in mehr eigene Tore umsetzen kann.

Methodik

Diese Analyse vergleicht Florian Wirtz' Leistungen in den nationalen Ligawettbewerben über drei Zeiträume: Bayer 04 Leverkusen in der Saison 2024/25, FC Liverpool in der Saison 2025/26 sowie die ersten sieben abgeschlossenen Ligaspiele der Saison 2026/27 bis zum 18. Oktober 2026.

Die untersuchten Zeiträume umfassen 31 Einsätze mit 2.354 Minuten, 33 Einsätze mit 2.389 Minuten sowie sieben Einsätze mit 560 Minuten.

Die Leistungskennzahlen werden, soweit sinnvoll, auf 90 Minuten normalisiert. Dafür werden die erfassten Saison-Gesamtwerte durch die gesamten Einsatzminuten geteilt und anschließend mit 90 multipliziert. Tore und Einsatzminuten wurden zusätzlich anhand der einzelnen Spiele überprüft.

Der Vergleich ist deskriptiv. Unterschiede hinsichtlich Ligastärke, Mannschaftskontext, taktischer Rollen, Gegnern oder Ballbesitzmöglichkeiten wurden nicht rechnerisch berücksichtigt. Während die ersten beiden Zeiträume vollständige Ligaspielzeiten abbilden, handelt es sich bei den Werten der Saison 2026/27 um eine Momentaufnahme der frühen Saisonphase.