Der Mourinho-Effekt: Hat sich Real Madrid verändert?
Ein datenbasierter Vergleich der ersten acht La-Liga-Spiele unter José Mourinho, Xabi Alonso und Carlo Ancelotti.
Die Rückkehr von José Mourinho zu Real Madrid wirft eine interessante Frage auf: Hat sich die Spielweise der Mannschaft tatsächlich verändert oder sehen wir lediglich bekannte Stärken unter einem anderen Trainer?
Diskussionen im Fußball konzentrieren sich häufig auf Ergebnisse, Formationen und individuelle Leistungen. Veränderungen in der Spielweise lassen sich jedoch auch anhand messbarer Kennzahlen untersuchen: Wie viel Ballbesitz hat eine Mannschaft? Wie häufig spielt sie Pässe? Welche Torchancen erarbeitet sie sich und wie viele Chancen lässt sie defensiv zu?
Für diese Analyse vergleichen wir die ersten acht La-Liga-Spiele von Real Madrid aus drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten:
- 2024/25: Carlo Ancelotti
- 2025/26: Xabi Alonso
- 2026/27: José Mourinho
Unser Ziel ist es, zu untersuchen, ob sich das Leistungsprofil von Real Madrid zu Saisonbeginn verändert hat und wie diese Unterschiede einzuordnen sind.
1. Sportliche Ergebnisse: Unterschiedliche Ansätze, ähnliche Resultate?
Bevor wir uns mit der Spielweise beschäftigen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die sportlichen Ergebnisse.

Nach acht Spielen sammelte Real Madrid unter Mourinho 18 Punkte. Damit erreichte die Mannschaft genauso viele Punkte wie unter Ancelotti in der Saison 2024/25, blieb allerdings drei Punkte hinter Alonso zurück, der 2025/26 insgesamt 21 Punkte holte.
Die Ergebnisse kamen jedoch auf unterschiedliche Weise zustande.
Unter Ancelotti blieb Real Madrid mit fünf Siegen und drei Unentschieden ungeschlagen. Alonso erreichte sieben Siege bei einer Niederlage, während Mourinhos Mannschaft sechs Siege und zwei Niederlagen verbuchte.
Unter Mourinho und Ancelotti erreichte Real Madrid jeweils eine Tordifferenz von +11. Unter Mourinho erzielte die Mannschaft 19 Tore und kassierte 8 Gegentore, während es unter Ancelotti 17 Tore und 6 Gegentore waren.
Die erwarteten Punkte (xPts, eine statistische Schätzung, wie viele Punkte eine Mannschaft auf Grundlage der Qualität ihrer eigenen und zugelassenen Torchancen erwarten könnte) bieten eine weitere Perspektive.
Alonsos Mannschaft sammelte 21 tatsächliche Punkte bei einem xPts-Wert von 15,18. Das entspricht einer Differenz von +5,82 Punkten. Mourinho erreichte 18 Punkte bei 16,04 xPts, während Ancelottis Mannschaft ebenfalls 18 Punkte bei 16,85 xPts erzielte.
Die bisherigen Ergebnisse liefern somit keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass Real Madrid unter Mourinho erfolgreicher geworden ist. Doch hat sich die Spielweise der Mannschaft verändert?
2. Spielprofil: Deutliche Veränderungen bei Ballbesitz und Passspiel
Die auffälligsten Unterschiede zeigen sich im Umgang von Real Madrid mit dem Ball.

Unter Ancelotti erreichte Real Madrid in den ersten acht La-Liga-Spielen einen durchschnittlichen Ballbesitz von 61,13 %. Unter Alonso stieg dieser Wert leicht auf 62,25 %.
Unter Mourinho sinkt er dagegen auf nur noch 51,63 %.
Das entspricht einem Rückgang von mehr als zehn Prozentpunkten gegenüber Alonsos ersten acht Spielen.
Beim Passvolumen zeigt sich eine ähnliche Entwicklung. Während Real Madrid unter Ancelotti durchschnittlich rund 619 Pässe pro 90 Minuten spielte und unter Alonso rund 621, sind es unter Mourinho lediglich 511.
Die Passgenauigkeit hat sich dagegen kaum verändert.
In allen drei Vergleichsperioden liegt die Passquote bei ungefähr 90 %. Das geringere Passvolumen geht somit nicht mit einem vergleichbaren Rückgang der Passgenauigkeit einher.
Der Anteil langer Pässe steigt unter Mourinho ebenfalls auf 8,53 %, verglichen mit etwa 7,1 % in den beiden vorherigen Spielzeiten. Dieser Anstieg lässt sich hauptsächlich durch das geringere gesamte Passvolumen erklären, da die absolute Anzahl langer Pässe mit ungefähr 44 pro Spiel nahezu unverändert bleibt.
Zusammen betrachtet deuten diese Kennzahlen auf einen veränderten Umgang mit dem Ball hin. Möglicherweise setzt Real Madrid auf einen selektiveren Ballbesitz und verändert die Art und Weise, wie Angriffe aufgebaut werden.
3. Chancenerarbeitung: Weniger Ballbesitz, aber weiterhin gefährlich?
Ein geringerer Ballbesitz wirft eine naheliegende Frage auf: Verzichtet eine Mannschaft auf offensive Möglichkeiten, wenn sie weniger Zeit am Ball verbringt?
Die bisherigen Zahlen von Real Madrid deuten darauf hin, dass dies nicht zwangsläufig der Fall sein muss.

Unter Mourinho kommt Real Madrid auf durchschnittlich 17,88 Schüsse pro 90 Minuten. Das sind etwas weniger als unter Ancelotti (18,25) und Alonso (18,63).
Trotzdem bleiben die erwarteten Tore (xG) über die drei Vergleichsperioden auf einem bemerkenswert ähnlichen Niveau:
- Ancelotti: 2,197 xG pro 90 Minuten
- Alonso: 2,154 xG pro 90 Minuten
- Mourinho: 2,245 xG pro 90 Minuten
Auch der durchschnittliche xG-Wert pro Schuss steigt unter Mourinho leicht auf 0,126, verglichen mit 0,120 unter Ancelotti und 0,116 unter Alonso.
Dies deutet darauf hin, dass ein Schuss im aktuellen Untersuchungszeitraum durchschnittlich eine etwas höhere statistische Torwahrscheinlichkeit aufweist.
Die Anzahl der kreierten Großchancen unterstützt diese Beobachtung. Unter Mourinho erarbeitet sich Real Madrid durchschnittlich 4,13 Großchancen pro 90 Minuten, verglichen mit 3,50 unter Alonso und 3,00 unter Ancelotti.
Die zentrale Erkenntnis ist, dass der deutlich geringere Ballbesitz von Real Madrid bisher nicht mit einem entsprechenden Rückgang der offensiven Chancenproduktion einhergeht.
Der leicht höhere xG-Wert pro Schuss und die gestiegene Anzahl an Großchancen könnten auf einen selektiveren Ansatz bei der Erarbeitung von Torchancen hindeuten.
4. Defensive Stabilität: Ist Real Madrid unter Mourinho sicherer geworden?
Mourinho wird häufig mit einer gut organisierten Defensive in Verbindung gebracht. Deshalb ist dieser Bereich besonders interessant für unsere Untersuchung.
Die Daten zeigen allerdings ein gemischtes Bild.

Unter Ancelotti ließ Real Madrid durchschnittlich lediglich 0,766 xGA pro 90 Minuten zu.
Unter Alonso stieg dieser Wert auf 1,278, bevor er unter Mourinho auf 1,149 zurückging.
Damit zeigt die aktuelle Stichprobe eine Verbesserung gegenüber Alonsos ersten acht Spielen, allerdings nicht gegenüber Ancelottis Vergleichsperiode.
Auch die einzelnen Spiele weisen deutliche Unterschiede auf.
Gegen Atlético Madrid ließ Mourinhos Mannschaft 2,414 xGA zu. Das war der höchste Wert innerhalb ihrer acht untersuchten Spiele. Real Madrid erhielt in dieser Begegnung zudem eine Rote Karte, die zum ungewöhnlich hohen xGA-Wert beigetragen haben könnte.
Unter Alonso wurde der höchste xGA-Wert mit 2,780 gegen Real Sociedad verzeichnet.
Diese Beispiele verdeutlichen, weshalb Durchschnittswerte allein die defensive Stabilität einer Mannschaft nicht vollständig beschreiben können.
5. Fazit: Gibt es einen Mourinho-Effekt?
Nach 8 La-Liga-Spielen zeigt Real Madrid unter Mourinho ein verändertes Leistungsprofil.
Die auffälligsten Unterschiede betreffen den Ballbesitz und das Passspiel. Beide Kennzahlen sind gegenüber den Vergleichsperioden unter Ancelotti und Alonso zurückgegangen.
Gleichzeitig erspielt sich die Mannschaft weiterhin eine vergleichbare Anzahl erwarteter Tore, bei etwas weniger Schüssen, aber einer leicht höheren durchschnittlichen Chancenqualität.
In der Defensive ergibt sich ein weniger eindeutiges Bild. Bei den sportlichen Ergebnissen liegt Mourinho punktgleich mit Ancelotti, aber hinter Alonso.
Hat sich Real Madrid also verändert?
Die bisherigen Daten deuten auf ein verändertes Spielprofil hin, insbesondere im Umgang mit dem Ball. Die bemerkenswerteste Erkenntnis ist, dass Real Madrid trotz deutlich geringerem Ballbesitz weiterhin eine vergleichbare Anzahl offensiver Torchancen herausspielt.
Ob sich daraus eine dauerhafte Spielidentität entwickelt, bleibt abzuwarten.
Methodik und Einschränkungen
Diese Analyse untersucht die jeweils ersten acht abgeschlossenen La-Liga-Spiele von Real Madrid aus den Spielzeiten 2024/25, 2025/26 und 2026/27. Grundlage sind die bis zum 16. Oktober 2026 verfügbaren Spiel- und Leistungsdaten. Jede Stichprobe umfasst vier Heim- und vier Auswärtsspiele.
Der Ballbesitz wird als Durchschnitt der acht einzelnen Spielwerte berechnet. Kennzahlen pro 90 Minuten ergeben sich aus den aufsummierten Spielstatistiken, geteilt durch acht Spieläquivalente zu jeweils 90 Minuten. Die Passquote, der Langpassanteil und der xG-Wert pro Schuss werden als Quotienten der jeweiligen Gesamtsummen berechnet und nicht als einfache Mittelwerte der einzelnen Spielquoten.
Die Untersuchung ist deskriptiv. Die Gegner unterscheiden sich zwischen den Spielzeiten. Darüber hinaus wurden Faktoren wie Kaderzusammensetzung, Spielverläufe, Platzverweise und Gegnerstärke nicht vollständig kontrolliert.
Die Ergebnisse zeigen somit beobachtbare Unterschiede zwischen den drei Vergleichsperioden. Sie ermöglichen jedoch keine eindeutige kausale Zuschreibung an den jeweiligen Trainer und erlauben keine gesicherte Aussage darüber, ob die beobachteten Muster über die gesamte Saison bestehen bleiben.